Albrecht Dürer
   
< >
   
HOME GEMÄLDEGALERIE SEMINARARBEIT LEBENSLAUF LINKS
   

 

DAS RHINOZEROS (1515)

 

Holzschnitt, 248 x 317 mm

 

British Museum, London

 


Kommentar

 

Ohne jemals ein Rhinozeros mit eigenen Augen gesehen zu haben, hat Dürer eine Zeichnung und einen Holzschnitt von diesem exotischen Tier anhand einer Skizze und der Beschreibung eines Freundes angefertigt. Das Rhinozeros steht im Vordergrund des Bildes und füllt den gesamten Raum. Der Maler fügt selbst eine Bildüberschrift mit einer detaillierten Beschreibung des Tieres bei:

 

Nach Christus gepurt. 1513. Jar. Adi. 1. May. Hat man dem groszmechtigen Kunig von Portugall Emanuell gen Lysabona pracht ausz India / ein sollich lebendig Thier. Das nennen sie Rhinocerus. Das ist hye mit aller seiner gestalt Abconderfet. Es hat ein farb wie ein gespreckelte Schildtkrot. Und ist von dicken Schalen uberlegt fast fest. Und ist in der Grösz als der Helfandt Aber nydertrechtiger von paynen / und fast werhafftig. Es hat ein scharff starck Horn vorn auff der nasen / Das Begyndt es albeg zu wetzen wo es Bey staynen ist. Das dosig Thier ist des Helffantz todt feyndt. Der Helffandt furcht es fast ubel / dann wo es In ankumbt / so laufft Im das Thier mit dem kopff zwischen dye fordern payn / und reyst den Helffandt unden am pauch auff und erwürgt In / des mag er sich nit erwern. Dann das Thier ist also gewapent / das Im der Helffandt nichts kan thun. Sie sagen auch das der Rhynocerus Schnell / Fraydig und Listig sey.

 

Zeichnung des Rhinozeros (1515)

 


Einhorn und Rhinozeros

 

Ein Bestiarum bezeichnet eine mittelalterliche Sammlung von Tierbeschreibungen, in der weitgehend unterschiedslos einhörnige Wesen aufgeführt wurden, so dass ohne weiteres das zierliche Einhorn neben dem mächtigen Rhinozeros zu finden war. Mit dem berühmten Rhinozeros Odysseus wurde von Dürer eine deutlichere Unterscheidung zwischen den beiden Tieren eingeführt. Allerdings kam es auch weiterhin zu Verwechslungen, und so gab es immer wieder jemanden, der Einhorn und Rhinozeros für ein und dasselbe Tier ausgab und jemand anderen, der ihm seine Unwissenheit vorwarf.
In Europa wurde ein lebendes Rhinozeros zum ersten Mal im Jahr 1513 gesehen. Die Portugiesen hatten das Tier dem König Emanuel I. von Goa aus nach Lissabon geschickt. In den naturwissenschaftlichen Werken kam es daraufhin zu einer eindeutigen Unterscheidung. Die phantastischen Abenteuer des Tieres, die 1515 auf einer dem Kupferstich Dürers beigefügten Kartusche erwähnt werden, sind von einem unter dem Namen Amatus Lusitanus bekannten portugiesischen Arzt im Rahmen einer Erörterung über das Horn des Einhorns in seinen medizinischen Kommentaren über Dioscorides ausführlich beschrieben. Das Rhinozeros war von den portugiesischen Soldaten in der Nähe der Stadt Goa gefangen und lebend auf ein Schiff verfrachtet worden, auf dem es zusammen mit zahlreichen Vögeln aus Indien und natürlich einer Ladung Gewürzen und anderen wertvollen Waren nach Portugal transportiert werden sollte. Auch wenn es von seinen Irrfahrten nie mehr in seine Heimat zurückkehren sollte, wurde es von den Seeleuten Odysseus getauft, und dieser Name ist ihm geblieben. Infolge seiner langen Gefangenschaft in einem engen Verschlag auf dem Schiff hatte die Haut des Rhinozerosses wahrscheinlich stark gelitten und Falten geworfen, was dem armen Tier ein noch seltsameres Aussehen verlieh. Mit ein wenig übertriebenen Beulen und Falten wurde es auch von Valentin Ferdinand, der es in Lissabon gesehen hatte, auf einer Zeichnung wiedergegeben. Die verloren gegangene Skizze hat bei dem berühmten und immer wieder kopierten Kupferstich Dürers als Vorlage gedient, auf dem die faltige Haut des Tieres wie ein Panzer anmutet. Der König von Portugal behielt das Rhinozeros noch eine Weile bei sich und stellte es schließlich in einer Arena einem Elefanten gegenüber, der den Kampf allerdings verweigerte. Daraufhin wollte er es dem Papst als Geschenk senden, und so wurde das Tier auf ein Schiff in Richtung Genua verfrachtet. Das Schiff sank vor der französischen Stadt Marseille, und damit endete das traurige Schicksal von Odysseus, dem Rhinozeros.
Dürers Kupferstich war ein längeres Leben beschieden. Der Stich taucht binnen kurzem in zahlreichen Bestiarien auf. Im Jahr 1551 erscheint er in einer tierkundlichen Abhandlung von Conrad Gesner und in den darauf folgenden zweihundert Jahren in sämtlichen naturgeschichtlichen Schriften. Von übertrieben gedrungener und gepanzerter Gestalt war das Rhinozeros von Dürer das genaue Gegenteil von dem, was sich die Menschen bis dahin unter einem Einhorn vorgestellt hatten. So hat dieser Kupferstich mit Sicherheit mehr als alle anderen das Werk begleitenden Texte dazu beigetragen, dass das weiße Fabelwesen nicht mehr mit dem Rhinozeros verwechselt wurde.

 


Links

 

Website des Britischen Museums in London:

http://www.thebritishmuseum.ac.uk/

 

Buch

 

Albrecht Dürer, Das Rhinozeros, Dieter Salzgeber (Rowohlt Tb., 1999)

 

Albrecht Dürer hat Phantastik und Vision genauso meisterlich ins Bild gesetzt wie die akribischen Studien nach der Natur. Eines der schönsten Exemplare aus seinem Bestiarium ist das Rhinozeros. 1515 hört Dürer von dem indischen Nashorn, das als Geschenk an den portugiesischen König nach Lissabon verfrachtet wird, und schafft nach einer zeitgenössischen Vorlage seinen weltberühmten Holzschnitt. Dieter Salzgeber erzählt die spannende Entstehungsgeschichte dieses Meisterwerks, Dürers Leben und das bizarre Abenteuer um ein exotisches Tier.

(Rowohlt)